Vorsicht: Dieser Blog enthält viele Spoiler zu Videospielen, die nicht explizit gekennzeichnet werden!
Dienstag, 28. Juli 2026
PARANORMASIGHT: The Mermaid's Curse
Ich habe eine Weile lang überlegt, ob es nicht vielleicht Sinn machen würde, Leuten zu empfehlen, The Mermaid’s Curse ohne Vorwissen aus The Seven Mysteries of Honjo zu spielen. Es gibt jetzt wirklich keine relevanten Verbindungen, die der Geschichte einen Mehrwert geben würden, und auch sonst muss man sich von vornherein darüber klar sein: Das zweite Spiel der Paranormasight Reihe (oh hoffentlich kommen noch mehr davon) ist komplett anders als das erste. Zumindest was die Stimmung und auch den Fokus angeht. Vergesst die große Relevanz und den geschickten Einsatz von Flüchen, zumindest für den Großteil der Zeit, und vergesst die vage Erinnerung an leicht unangenehme Szenen des Nachts, in denen man nichts und niemandem trauen kann - und begebt euch dafür auf eine maritime, oft unterhaltsame Entdeckungstour durch jahrhundertealte Inselmythen und Sagen. Ich sage es gleich vorweg, ich fands super. Ich mag den ersten Teil irrsinnig gerne, aber ich mag auch diesen Teil irrsinnig gerne, und teilweise sind die Gründe vielleicht sogar dieselben, aber auf irgendwie völlig unterschiedliche Art und Weise.
Die Charaktere zum Beispiel. Sie sind wieder ausgesprochen liebenswert und lebendig, aber The Mermaid’s Curse zählt nicht auf Unbehagen und Misstrauen, sondern auf Zusammenarbeit, Vertrauen und Informationsaustausch.
Also lasst euch vom Beginn des Spiels ruhig gleich auf die richtige Fährte führen – genau so wird es auch einen Großteil der Zeit über sein – sonnig, lustig und mit einem Shitload an Lore. :D
Nachdem wir beim Starten des Spiels gleich mit der vertrauten (geilen) Musik im Titelbildschirm und einem Gruß vom Storyteller empfangen werden (was mich gleich zurückgebracht und mir sogar Gänsehaut beschert hat), schlüpfen wir in die Rolle von Yuza Minakuchi, der sich mit seinem besten Freund Azami in einem kleinen Schiff auf dem Meer unterhält und anscheinend Ama-Tauchen gehen möchte. Sofort werden wir mit Informationen, die sich wie gewohnt im Menü in den „Files“ lesen lassen, zugepflastert, sodass „Ama-tauchen“ schnell das geringste Problem der ganzen spezifischen Begriffe wird. Am wichtigsten hierbei ist: Vor 5 Jahren gab es einen schlimmen Sturm an der Küste der Heimatinsel der beiden Jungen, bei dem Yuzas Eltern beide gestorben sind (und neben anderen auch Azumis Vater). Nur er hat wie durch ein Wunder überlebt. Obwohl es viele offene Fragen gibt, spricht niemand über den Vorfall, aber es herrscht eine offene Feindlichkeit gegenüber Yuzas Mutter. Nun wo ihr Sohn nach einer längeren Zeit weg von zu Hause wieder nach Kameshima (also auf die Insel) zurückgekehrt ist, möchte er gerne mehr herausfinden. Und dieses Ziel erreicht er seiner Meinung nach nur dann, wenn er es schafft, eine Meerjungfrau zu finden.
Klingt für den Anfang vielleicht nicht megaspannend, und ehrlich gesagt ist es das auch nicht. Also, ich mochte gleich, dass zum Beispiel Azami jeden Kauderwelsch, den Yuza von sich gibt, einfach hinnimmt, ohne sich von ihm abzuwenden. Das ist allgemein eine ziemlich prominente Dynamik in dem Spiel – alle Protagonisten, die wie im ersten Teil wieder oft in Paaren unterwegs sind, scheinen sich zumindest innerhalb dieser zweier Konstellation gegenseitig immer bedingungslos zu vertrauen. Das war eigentlich schon ziemlich cool und hat durchaus sehr dazu beigetragen, dass ich die Charaktere alle nochmal lieber mochte. Naja, und ihre, äh, Lockerheit. Es geht halt am Anfang quasi um nichts - zumindest wird einem das Gefühl vermittelt. Azami will einfach nur Yuza helfen, Tsukasa will endlich ihrem Crush (den ich btw. verdächtigt habe, dabei ist er einfach nur ein Douche xD) ihre Gefühle gestehen, und ein paar andere suchen halt eine Meerjungfrau. Es gibt vier verschiedene Point of Views auf dem Storychart, aber bei keinem geht zu Beginn so wirklich viel ab. Natürlich steckt wesentlich mehr hinter all diesen Dingen, aber das kommt nach und nach erst später – zuerst einmal lernt man die Insel und deren Bewohner kennen und sammelt dabei munter 216 Files Einträge, von denen man sich die Hälfte eh noch nicht merken kann, und man gerät selbst ein bisschen in diese Trägheits-Falle. Ich hatte in den ersten Spielstunden tatsächlich ein bisschen Probleme, konzentriert zu bleiben und habe immer nicht besonders lange am Stück gespielt.
Manchmal musste ich sogar zwischendurch das Tauch-Minispiel, das man nur an einem bestimmten Punkt auf dem Storychart anwählen kann, machen, um etwas Abwechslung reinzubringen. Das Minispiel besteht nicht aus viel mehr als zu tauchen und dabei unter Berücksichtigung von sowas wie einer Aktionsleiste Meeresfrüchte einzusammeln, und wieder aufzutauchen bevor einem die Luft ausgeht. Zwei storyrelevante Dinge muss man finden und es gibt noch ein paar Collectibles, aber mehr ist es eigentlich nicht. Ich hatte trotzdem irgendwie eine Art von chilligem Spaß daran.
Wie auch immer, nach ein paar Stündchen änderte sich alles. Kenner des Spiels werden nun selbstbewusst behaupten, ich würde sicherlich das erste Ending meinen, das man nicht vermeiden kann und bei dem quasi fast alle Leute niedergemetzelt werden (ja, that escalated quickly). Aber nein. Ich habe Feuer gefangen, als ich Avi und Circe kennengelernt habe.
Es hilft natürlich auch, dass sie interessante Gameplay Passagen haben, weil sie durchaus Puzzles zu lösen haben, während die anderen alle noch mit Labern beschäftigt sind. ;0 Aber selbst ohne das machen ihre Dialoge einfach so viel Spaß.
Und dann ging es aber auch bald allgemein so richtig los. Nachdem schließlich die wichtigsten Hintergründe über untergegangene Inseln, vernichtete Zivilisationen und meerjungfrauenessende Individuen zum ungefähr dritten Mal erzählt wurden, war auch der letzte Hinz und Kunz geschichtlich so gefestigt, dass der weitere Clusterfuck an Informationen leicht und voller Gaudi verstanden werden konnte.
Also, das klingt jetzt vielleicht sogar ein wenig negativ, aber ich habe die Enthüllungen auch diesmal wieder sehr geliebt. Inhaltlich vielleicht nicht alle komplett, da bin ich teilweise noch am hadern, aber präsentationstechnisch war ich schon sehr begeistert. Die Chronologie aller Ereignisse ist diesmal wirklich total durcheinander, das trug für mich aber sehr zum Geschehen bei. Es gab dadurch viele Aha-Momente und es hat mir wirklich Spaß gemacht, die einzelnen Zeitlinien schon zusammen zu puzzlen, bevor ich überhaupt wissen konnte, was abgeht.
Was ich auch beim letzten Spiel schon gelobt habe, und mir diesmal wieder mindestens genauso gut gefallen hat, ist, wie jedes Detail, auf das man stößt, eine Bedeutung hat und sich sinnvoll in das Große und Ganze einfügt. Ich glaube ich kenne kein Spiel im Mystery Genre, das so gründlich alle großen und kleinen Fragen beantwortet und selbst Dinge, über die man vielleicht kurz mit der Augenbraue gezuckt hat, aufgegriffen werden und Relevanz haben. Das ist SO befriedigend und vor allem auf dem Weg zum True Ending hat das Spiel wirklich nochmal alle Register gezogen. Dafür musste man diesmal auch wirklich einige Bedingungen erfüllen, und bis auf eine für mich eher obskure (der Speicherstand ganz unten im Lade-Menü) haben mich die alle richtig geflasht – vor allem natürlich das Rufen und die Unterhaltung mit einer echten Meerjungfrau am Ende. Da kriege ich auch jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.
Ich kann mit Worten wirklich viel zu schlecht erklären, wie befriedigend und cool ich The Mermaid’s Curse fand, sobald man wirklich einmal die Möglichkeit hat, die Dinge zu verbinden und Mysterien auf die Spur zu kommen (also sobald das Pacing plötzlich wieder passt) – denn das allein macht es das Spiel meiner Meinung nach schon Wert, und ich würde das gerne noch viel besser und überschwänglicher ausdrücken. Damit kann ich so manche Dinge verschmerzen, über die ich mir erst ein paar Gedanken machen musste, wie sehr sie mir gefallen:
Die Curse Stones, die vorkommen, sind zwar nur zwei verschiedene, aber die sind wenigstens so zerstörerisch, dass sie wirklich eine Bedrohung darstellen und schon eine echt große Relevanz in der Geschichte haben. Mein Herz hat schon ordentlich geklopft, als ich mit dem Finger schon über seinem Button für den Curse Stone gezuckt bin, bevor Avi überhaupt im Dialog schon soweit war, dass ihm das eingefallen wäre. Die Sagen über die Heike und Taishima, die den Grundstein für die Flüche legten, habe ich aber wahrscheinlich viel zu oft vorgekaut bekommen, um hier noch so etwas wie eine schicksalhafte Bindung zwischen den Geschichten und den Curse Stones zu fühlen.
Dass es schließlich drei 800-year-immortals in ein- und demselben Gebiet gab, fand ich dann auch etwas Overkill, es hat mich aber nicht total gestört – ich habe es wohl relativ schulterzuckend hingenommen, weil es wenigstens Personen betroffen hat, die ich sehr mochte. Also, vor allem Sato. Ich denke sie ist nach Avi und Circe mein dritter Lieblingscharakter, was dann schließlich auch geholfen hat, die alles übergreifende Liebesgeschichte etwas mehr zu fühlen.
Bei dieser bin ich mir nämlich auch nicht sicher, wie gut sie mir gefallen hat. Grundsätzlich habe ich schon bei einem sehr früh freigeschaltetem Kapitel das Gefühl gehabt, es könnte etwas zwischen Yuza und Sato sein (nämlich beim „letzten Tag der Freunde gemeinsam auf Kameshima“), aber so eine UNDYING LOVE konnte dann ja wirklich niemand erwarten. Ich mochte auch hier wieder sehr, dass die Szenen, die man erst am Schluss sieht, aber an den Anfang der Geschichte gehören, sich nicht wie komplett dazugequetscht anfühlen. Im Spielverlauf findet man – wie auf alles – auch da Hinweise, die erst am Ende Sinn ergeben, aber halt immer da waren. Und mir persönlich liegt so viel an Sato, dass ich natürlich auch will, dass sie weiterlebt ohne endlich einmal nur ihrer Pflicht und großem Leid ausgesetzt zu sein, und Zeit mit ihren Freunden verbringen kann. Aber irgendwie hatte ich einfach nicht erwartet, dass so eine große Liebe in einem Paranormasight überhaupt Thema sein würde. Also, jetzt neben meiner großen Liebe zu Avi natürlich. ;P
Aber das gehört eigentlich auch zu den Gründen, warum ich The Mermaid’s Curse auch so mögen konnte – es fühlt sich nicht an wie ein Ableger, der am Vorbild des Vorgängers klebt und diesen dabei unbedingt übertreffen möchte (wie es bei Danganronpa ja immer war, wodurch alles einfach immer noch verrückter wurde… was ich ja auch mochte, also, äh, egal), sondern wie etwas Eigenes, mit eigenen Überraschungen und einfach ganz anderen Fokussen. Gleichzeitig hat es trotzdem genug Dinge mit den Mysteries of Honjo gemein (zum Beispiel eben den Grafikstil, das sehr befriedigende Mystery-Aufdröseln, und dass der Spieler eine eigene Rolle hat usw.), um die beiden Spiele als "vom gleichen Schlag" wahrzunehmen. Das ist richtig cool!
Mein Text mag auch deutlich mehr Kritik beinhalten, als ich zum ersten Teil geschrieben habe – da waren meine Worte irgendwie sowas wie „Für mich gibt es eigentlich keine wirklich negativen Punkte“. Aber wenn es weniger objektiv rein um meine Emotionen geht, glaube ich, dass ich The Mermaid’s Curse (auch wenn der Vergleich wirklich gar nicht so leicht ist) wahrscheinlich noch lieber mag als den Vorgänger. Womit ich mir aber tatsächlich ganz sicher bin, ist, dass ich mich allgemein viel besser daran erinnern werde. Auch wenn ich die Charaktere in den Seven Mysteries wirklich sehr gerne mochte, ihr dürft mich jetzt nicht nach irgendeinem Namen fragen. Das wird mir hier nicht passieren. Naja außer vielleicht beim Antagonisten (oder eigentlich allen Gegenspielern), den ich auch während dem Spielen komplett vergessen hatte – ich war ganz kurz überrascht, als es nach der Auflösung der Flüche noch weiter ging. xD
Aber naja, was machen schon ein, zwei faule Eier in einer Riege von Personen, an denen mir tatsächlich etwas liegt. Und was machen schon ein, zwei so Kritikpunkte wie das anfängliche Pacing oder der vierundzwanzigste 800-year-immortal in einem Spiel, das mich ansonsten wirklich wieder mitgerissen hat?
Genau, nicht viel, und deshalb war es mir wieder ein Fest.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)





Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen