Freitag, 12. März 2021

Vampire: The Masquerade - New York Visual Novels


Vampire: The Masquerade hat ein riesiges Universum, mit dem ich bisher noch überhaupt nichts zu tun hatte. Natürlich kenne ich das berühmte Spiel "Vampire: The Masquerade - Bloodlines" vom Hörensagen, aber das waren dann auch schon all meine Berührungspunkte damit.
Ich weiß gar nicht, warum ich an den beiden Visual Novels, die Ende 2019 und Ende 2020 erschienen, interessiert war, weil ich nicht mal besonders viel für Vampire übrig habe. Trotzdem habe ich zugeschlagen als die beiden Titel fast direkt hintereinander im Humble Bundle waren, vielleicht weil der Stil so interessant aussieht. Die dunkle Atmosphäre fällt sofort auf, die hübschen Charakterportraits ebenso, und irgendwie brauchte ich wohl mal irgendwas anderes nach den ganzen letzten Liebhab-Spielen, die ich kürzlich so durchbekommen habe.^^
Wie gesagt handelt es sich um Visual Novels im Universum von Vampire: The Masquerade, mit den üblichen Dialogmöglichkeiten und Entscheidungen, nur dass es eben darum geht in der grimmigen Welt der Vampire zu überleben, sich womöglich sogar zu behaupten, nicht aufzufliegen (die Masquerade muss unter allen Umständen bewahrt werden!) und seinen Hunger zu stillen. Man wird hierbei sehr sensibel in die Welt eingeführt, gerade wenn man noch nie etwas mit dem Ganzen zu tun hatte. Selbst wenn aus einem Dialog mal nicht ganz natürlich hervorgeht was spezifische Begriffe jetzt bedeuten sollen (was nicht so oft vorkommt), gibt es ein Lexikon zum Nachschlagen in beiden Spielen.
Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, mich nicht gut genug auszukennen, und halte mich jetzt bereits für einen Experten im VtM-Jargon. ;P Vor dem unbekannten aber anderswo bereits sehr etabliertem Setting sollte man sich also nicht abschrecken lassen, und auch sonst bieten die beiden Visual Novels solide Unterhaltung mit einer echt coolen Atmosphäre.

Coteries of New York

In Coteries kann man sich für einen von drei Hauptcharakteren entscheiden, mit dem man die Geschichte erlebt. Dieser wird dann eines Nachts überraschend zu einem Kindred (Vampir) gemacht, je nach Hintergrund unter anderen Voraussetzungen und von einer anderen Person. Diese macht sich gleich danach aber aus dem Staub, was in Vampir-Kreisen gegen die Regeln verstößt: Ein "Sire" (Vampir, der einen anderen dazu macht) darf nur ein "Childe" (der neue Vampir) machen, wenn die Ältesten es erlauben, und vor allem darf dieser den "Fledgling" (Frischling) auch nicht verlassen, sondern muss ihn eigentlich in die Regeln der "Camarilla" (das mächtigste Konstrukt, das einer aristokratischen Regierung gleich kommt, nach deren Regeln alle Vampire leben sollten) einführen.
Wenn das nicht eingehalten wird, sind Sire und Childe automatisch zum Tode verurteilt. Ein guter Start also für unseren jeweiligen Hauptcharakter, der auch prompt vom Sheriff der Camarilla eingesammelt und vor den Rat gebracht wird, wo der Prinz - die höchste Vampirin mit absoluter Entscheidungsgewalt - auch gleich das Urteil spricht. Unser Hauptcharakter hat dann nur Glück, dass sich eine sehr einflussreiche Vampirin mit Namen Sophie Langley seiner oder ihrer annimmt, und sich bereit erklärt uns die Gebräuche der Camarilla zu lehren und für uns verantwortlich zu sein.
Das geschieht dann auch (wenn man nicht will, bekommt man ein Game Over), und das Spiel besteht hauptsächlich daraus, Sophies Führung zu folgen und sich ansonsten - auch auf ihr anraten - Freunde in New York zu verschaffen, also eine "Coterie" zu bilden. Man hat jede Nacht Zeit für zwei Aktionen, wobei manchmal eine automatisch verbraucht wird wenn die Hauptstory es verlangt. Für den optionalen Kram kann man einfach Portraits auf einer Karte anklicken, eine kurze Beschreibung aufrufen und sich dann entscheiden, diese Szene zu absolvieren oder eben nicht.

Während die Charakterisierung der Hauptcharaktere zwar durchaus vorhanden, aber nicht besonders ausufernd gestaltet ist, sind die Quests für die Nebencharaktere eigentlich das Herzstück des Spiels. Man hat vier Kindred zur Auswahl, die man in einer Reihe von gemeinsamen Aktionen von sich selbst überzeugen kann, sodass man eine Art Freundschaft entwickelt ("Freundschaft" ist in dieser Welt nicht wirklich das richtige Wort, kommt dem aber wohl am nächsten). Da es mehrere Aktionen braucht, um die Quests fertig zu stellen und man nur eine begrenzte Anzahl Nächte hat, schafft man aber nie alles. Es gibt auch noch drei losgelöste Nebenquests, und das alles ist durchaus so gehandled, dass man mindestens einen zweiten Charakter auch noch spielen muss, um alles zu sehen. Das lohnt sich eben für die vier Nebencharaktere durchaus, für die Hauptstory nicht so sehr. Diese ist nämlich bei allen drei Protagonisten dieselbe und kann auch nicht wirklich verkackt werden. Hat man den Prolog mal geschafft, also dass Sophie Langley sich seiner wirklich annimmt, kann man auch wüten wie ein Ungetüm und immer unhöflich zu ihr sein, man wird trotzdem zum Ende kommen.
Das ist grundsätzlich nicht so schlimm, da viele Situationen trotzdem einfach spannend geschrieben sind und - wenn auch ohne echte Konsequenzen - voneinander abweichen können (die Quests für die vier Kindred kann man aber durchaus alle versauen), leider bleiben aber einfach viele Dinge unbeantwortet. Bei mir gings im kleinen Rahmen wenigstens noch, weil ich irgendwie mit dem Toreador (so der Name des Clans) als meine erste Wahl noch Glück hatte, weil da mehr Zusammenhang mit manchen Dingen besteht. So ist Sophie zum Beispiel vom selben Clan und kann uns deshalb intuitiv sagen, dass auch wir dorthin gehören, aber bei den anderen beiden Protagonisten erfahren wir die Zugehörigkeit zu einem Clan nur durch das Achievement, das man da bekommt, niemals aber ingame. o.O Und von den großen Dingen bleibt vor allem unbeantwortet, wer den jeweiligen Hauptcharakter überhaupt zum Vampir gemacht hat, und warum das passiert ist. Man erfährt zwar, wer diese - wie sich dann herausstellt - riesige Verschwörung geplant hat, aber ich habe nie verstanden warum genau. Nur um Sophie Langley zu stürzen? Es endet dann ja auch alles sehr aprubt, Sophie wird umgebracht und es bleibt völlig offen was mit dem Protagonisten passiert.


Insgesamt hat mir mein erster Durchgang sehr gefallen und ich war durchgehend sehr gut unterhalten - es war einfach alles spannend. Später wiederholen sich natürlich alle wichtigen Storypunkte, wodurch man erst erkennt, wie viel eigentlich im Voraus überhaupt geplant ist und wie wenig man eigentlich aufpassen hätte müssen. Es gibt auch eine Feeding-Mechanik - also deutliche Hinweise dass man regelmäßig Blut trinken sollte, weil sonst wer weiß was passieren soll (das "Biest" nimmt Überhand). Da muss man sich dann manchmal entscheiden, ob man ein Vorhaben perfekt abschließen will oder lieber nochmal wo ein Schlückchen nimmt mit der Gefahr, entdeckt zu werden oder sich eine Chance zu versauen. Aber beim zweiten Durchgang kommt man dann schon drauf, dass das Spiel einen save bis zum Ende bringt, und man eigentlich fast alles machen kann was man will.
Ansonsten muss ich noch die Vorspul-Funktion ein bisschen kritisieren, die man mit gedrückter Strg-Taste aktiviert. Man überspringt da aber gnadenlos alles was kommt, bis man die Taste wieder loslässt. Es wird kein Unterschied gemacht, ob man einen Dialog schon gelesen hat oder nicht, und so könnte man unabsichtlich leichte Nuancen, die zumindest charakterlich zwischen den drei Protagonisten bestehen, verpassen.
Coteries of New York hat also definitiv einen Haufen Schwächen, hat mir aber aufgrund der düsteren Atmosphäre und der interessanten (und extrem toll gezeichneten) Charaktere trotzdem wirklich gut gefallen. Vor allem bei D'Angelo, Agathorn (beide aus Charakterquests) und Qadir (der Camarilla Sheriff vom Beginn) habe ich wirklich gehofft sie in der Fortsetzung wiederzusehen.

Shadows of New York

Die Ereignisse in Shadows of New York spielen einige Monate nach Coteries. Man wählt diesmal keinen Protagonisten, sondern wird in die Schuhe von einer jungen Frau namens Julia gesteckt, die eines Tages auch zum Kindred gemacht wird. Es fällt hier sofort auf, dass sich für diesen Hauptcharakter viel mehr Mühe gegeben wurde, denn Julias Vorgeschichte und ihr "Embrace" (also wenn sie zum Vampir gemacht wird) werden viel genauer beleuchtet, und sie hat auch einige innere Monologe parat. Dadurch entsteht eine gute Bindung zu ihr, auch wenn das Spiel insgesamt dann kürzer als Coteries ausfällt und auch weniger Möglichkeiten bietet. Nebenquests, die in gewohnter Manier auf einer Karte anklickbar sind und Zeit verbrauchen, gibt es kaum. Und diese führen auch zu überhaupt keinem Ziel, sondern sind eigentlich nur "fluff". Die Hauptgeschichte ist allerdings sehr spannend, insgesamt wahrscheinlich nochmal spannender als beim Vorgänger - man kennt sich schon ein bisschen besser in der Welt aus, nach einem kleinen Zeitsprung hat Julia eine Rolle bei den Camarilla gefunden (wenn auch keine besonders gute oder gar große) und braucht dementsprechend nicht mehr penibel auf profane Dinge wie zum Beispiel das regelmäßige Bluttrinken achten, und es gibt haufenweise Verbindungen zu den Ereignissen aus Coteries.
Es geht um den Mord am Anführer der "Anarchs", das sind Vampire, die nicht den Regeln der Camarilla und dem Prinzen folgen. Diesen unsympathischen Herren konnte man schon im Vorgänger kennenlernen, und niemand (inklusive des Spielers) ist wirklich traurig über sein Ableben. Trotzdem, um die Stabilität der Gesellschaft zu gewahren, muss jemand den Mord untersuchen. Die Wahl fällt auf Julia, weil sie zu Lebenszeiten als Reporterin gearbeitet hat, und vor allem weil niemand von ihr erwartet, dass sie es kann. Sie ist als "Lasombra" nämlich nicht unbedingt gern gesehen, da dieser Clan lange Zeit über auch gegen die Camarilla gearbeitet hatte und erst kürzlich dort Anschluss suchte - denen traut halt noch niemand.

Im Zuge der Ermittlungen muss man an fünf kritischen Punkten in der Geschichte eine Entscheidung treffen, die Julias Persönlichkeit bestimmt - zum Beispiel ob sie optimistisch oder pessimistisch ist und so Kram. Es gibt dann zwei Enden, die durch diese Werte getriggert werden - ein gutes und ein schlechtes, wobei ich eigentlich finde, dass beide auf ihre eigene Art und Weise positiv enden. Ganz im Gegensatz zu dem, was ich erwartet hatte, nachdem das Ende des Vorgängers ja wirklich gar nichts Gutes an sich hatte.
So gibt es wenigstens für Julias Geschichte bei beiden Möglichkeiten einen recht würdigen Abschluss, der weniger offen lässt, aber gleichzeitig weiterhin Raum für mehr bietet. Es geht nicht einmal darum, wer den Typen ermordet hat, sondern eher wie Julia mit dem Verlauf der Ereignisse und dem Ergebnis ihrer Nachforschungen umgeht. Ob man das Verbrechen aufklärt hängt sehr viel vom letzten Viertel des Spiels ab, es müsste aber alles schon wirklich ein wenig unglücklich (bezüglich der Entscheidungen) laufen, dass man es gar nicht herausfindet. Aufgrund der kurzen Dauer wird man aber eh beide Enden wohl freispielen, weshalb das ohnehin nur eine theoretisch Feststellung von mir ist.
Was genau mit dem Protagonisten aus dem Vorgänger passiert ist, erfährt man hier aber leider nicht, und wird man vermutlich auch nicht mehr. Ich nehme fast an, wenn ich mir Agathons Werdegang so ansehe, dass der letzte Protagonist auch einfach umgebracht wurde.
Apropos Agathon: Alle vier Nebencharaktere, die im Vorgänger in die eigene Coterie aufgenommen werden konnten, haben hier einen eigenen Abschnitt in der Hauptstory abbekommen. Damit war ich wirklich sehr zufrieden, und ich habe mich über sie alle sehr gefreut. Dass Agathon höchstwahrscheinlich tot ist, weil er hinter die Machenschaften seines Sires gekommen ist, stimmte mich schon ein wenig traurig. Die anderen trifft man alle in Fleisch und Blut, und jeder der vier hängt eben mit einer dieser fünf Entscheidungen, die das Ende bestimmen, zusammen.


Überhaupt gab es eigentlich sehr wenige neue Charaktere, aber ein Wiedersehen mit fast allen bekannten. Ich bewerte das als absolut positiv, da ich ja zu vielen schon vorher einen Bezug herstellen konnte, und vor allem die viele Quality Time mit Qadir war mir ein echtes Fest.
Insgesamt würde ich Shadows of New York als ein wenig besser als Coteries bewerten, weil es von dem, was im Vorgänger bereits aufgebaut wurde, profitieren und sich auf andere Dinge, wie Character Developement, besser konzentrieren kann. Auch kleine Verbesserungen sind mir aufgefallen, das Wörterbuch ist zum Beispiel viel besser, weil es in Julias Worten geschrieben ist und so einfach persönlicher und in die Geschichte integrierter wirkt. Es gibt auch mehr Bilder von eingängigen Szenen im Spiel, wo man sich beim Vorgänger alle Ereignisse selbst bildlich vorstellen musste, da es nur immer ein Charakterbild vor dem jeweiligen Hintergrund gab. Trotzdem bietet es aber gleichzeitig gefühlt doch weniger Freiheiten, obwohl es Entscheidungen gibt, die das Ende beeinflussen.
Außerdem habe ich ein paar Sachen dann wieder nicht verstanden - was sind denn jetzt diese Schatten, die Julia oft auf die wichtigen Hinweise bei ihren Nachforschungen helfen und manchmal dann doch wieder gruselig sind? Und muss ich bei der wahren Identität von einem Charakter wissen, wer das sein soll? Wird es einen weiteren Teil geben?
Keine dieser Fragen empfinde ich jetzt aber als besonders wichtig, weil man mit dem Abschluss so trotz allem größtenteils zufrieden sein kann.

Ich würde die Visual Novels grundsätzlich empfehlen, aber man darf nicht zu viele Freiheiten erwarten, was sicher gerade für Kenner eines Vampire: The Masquerade - Bloodlines oder der Pen & Paper Vorlage, keine leichte Aufgabe sein dürfte. Ich persönlich habe jetzt aber plötzlich großes Interesse an dieser Welt und werde da vielleicht die ein oder andere Chance nutzen, um weiter in sie einzutauchen.


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