Samstag, 22. Februar 2025

Process of Elimination


Wenn es ein Spiel gibt, das sich am ehesten wie Danganronpa anfühlen kann, dann ist es dieses hier. Zwar hat Process of Elimination nicht so eine stilisierte Grafik, komplett anderes (weniger stressiges) Gameplay und kein offizielles Deathgame, aber trotzdem hat sich für mich nichts so nahe an einer meiner Lieblings-Reihen angefühlt, wie das hier. Und gleichzeitig ist es aber eigenständig genug, sodass es nicht unbedingt im Schatten dieses großen Namens steht. Process of Elimination fokussiert sich mehr auf die Charaktere, die deutlich weniger Red Flags haben als die in Danganronpa, und diskutiert tiefgehende Themen wie Moral, Trauma, eigene Werte und Selbstmord ausführlich. Beides ist der Hauptgrund, warum dieses Spiel richtig gut funktionieren kann für Leute, die gerne viel Text lesen, und vor allem von menschlichen Verhaltensweisen, und Entwicklungen und Bindungen zwischen den Protagonisten nicht genug bekommen können. Manche Dinge sind vielleicht sogar etwas übererklärt, sodass wirklich die letzte Gehirnzelle im Innersten noch verstehen kann, was genau vor sich geht, aber das ist - neben einer kurzen Phase vor dem Ende, die sich etwas ziehen kann - die einzige wirkliche Kritik, die ich üben kann. Erzählerisch ist das Spiel wirklich ausgesprochen gut, und selbst zu Beginn unbeliebte Charaktere bekommen ihren Moment, in dem man sie doch nochmal liebgewinnen, oder zumindest irgendwie verstehen kann. Das ist ganz, ganz toll, wirklich. 

Das Spiel beginnt gleich mit der Vorstellung des Antagonisten, dem sogenannten Quartering Duke, der in einem Broadcast zwei Menschen quasi durch ein Publikumsvoting sterben lässt. Dies ist der Auftakt zu einer riesigen Mordserie, bei der immer zwei Personen gleichzeitig umgebracht werden - man selbst steigt als Protagonist Wato Hojo ins Geschehen ein, nachdem es schon 100 Todesopfer gibt. Er arbeitet bei einer Detektei, ist aber dort eigentlich nur ein kleiner Gehilfe. Umso überraschender trifft es ihn, dass er von der renommierten Detective Alliance angeheuert wird, um auf einer einsamen Insel den Fall um den Quartering Duke zu besprechen. Dafür wird er kurzerhand entführt, statt dass man ihn normal irgendwohin transportieren würde, was vielleicht schon ein kleiner Hint ist, dass das alles ein bisschen verdächtig ist~
Ohne jetzt zu sehr auf Details einzugehen stößt Wato auf der Insel nach einer kurzen Zeit zu einer Gruppe an talentierten Ermittlern, die alle zur sogenannten Detective Alliance gehören. Der ursprüngliche Plan, dass die fähigsten von ihnen den Fall um den Quarterin Duke lösen, scheint für die meisten Beteiligten auch den Tatsachen zu entsprechen, aber es wird schnell klar, dass es sich auch um eine Falle handelt.
Nicht nur dass der angesehene Senior Detective, der auch der war, der Wato Anfangs rekrutiert hat, zerstückelt aufgefunden wird (in diesem Spiel werden jedoch explizite Bilder vermieden), die Charaktere befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation, aus der nicht alle von ihnen lebend herauskommen werden. Weil es natürlich Verräter (und Verrückte) unter ihnen gibt. Obwohl in fast allen Kapiteln jemand stirbt und man die Fälle natürlich aufklären muss, wird das gewohnte Muster dennoch öfter mal durchbrochen - weil es kein offizielles Deathgame gibt. Oftmals geht die größte Gefahr nicht von den Mitmenschen aus, sondern von den Schauplätzen an sich mit ihren Fallen, Geheimgängen und elektronischem Wachpersonal. Dadurch kommt es auch oft darauf an, dass die Charaktere zusammenhalten und -arbeiten müssen, obwohl sie eigentlich alle etwas zu verbergen haben.


Die Detective Alliance ist nämlich sehr bedacht auf Anonymität. Alle von ihnen bezeichnen sich mit einem Wort, das sie selbst am besten beschreibt, und dem Zusatz "Detective" ;0 Wer den richtigen Namen eines anderen kennt muss schon wirklich ziemlich vertraut sein, oder eine gemeinsame Vergangenheit haben. Und so ein bisschen haben sie das alle, zumindest scheinen die Ereignisse auf der Insel nicht nur mit dem Quartering Duke zu tun zu haben, sondern auch mit einem ähnlich großen Fall von vor 12 Jahren, der überhaupt erst dazu geführt hat, dass die Secret Police gegründet wurde - der Vorläufer der Detective Alliance. Und diese hat wiederum als Reaktion auf diese schrecklichen Taten damals ein geheimes Programm ins Leben gerufen, um Kinder zu perfekten Ermittlern, äh, "auszubilden", damit so etwas zukünftig verhindert werden kann. Alle Charaktere haben mit mindestens einer dieser drei Vorkommnisse zu tun: Dem Dayless Night Incident (also der Fall von vor 12 Jahren), dem Programm der Secret Police, oder dem Quarterin Duke. Manche sind auch in mehr als eine Sache verwickelt, und sie hängen natürlich alle direkt miteinander zusammen.
Im Spiel geht es viel um Trauma und wie man damit umgeht, weil alle wichtigen Personen schreckliches durchlebt haben und unterschiedlich damit zurecht kommen. Als Wato selbst muss man sich auch bei den Gräueltaten im Spiel ständig selbst fragen, wie man darüber hinwegkommt und wieder Kraft finden soll. Er hat dabei Hilfe von seiner Kindheitsfreundin Saika, die er unverhofft auf der Insel wieder trifft, und von der er eigentlich dachte, dass er sie sterben sehen hat. Also, sie stirbt auch hier ziemlich gleich mal, denn sie ist einer der besten Detectives aller Zeiten und kann natürlich nicht die ganze Zeit dabei sein - dann wäre das Spiel ja nach 3 Stunden vorbei. :D So irgendwie ist sie dann aber trotzdem immer dabei, denn sie begleitet Wato als Geist. Was jetzt vielleicht etwas albern klingt wurde aber durchaus gut umgesetzt, sodass man sich nach einer kleinen Eingewöhnungsphase gar nichts mehr dabei denkt und ihre Gegenwart auch sehr schätzt. Und das ist, neben ein paar pseudo wissenschaftlichen Shenanigans auch so ziemlich das einzig Übernatürliche, was im Spiel passiert. Die speziellen Fähigkeiten, die fast alle der Detectives und dann vor allem Wato haben, haben zumindest eine Erklärung spendiert bekommen, und das war mir durchaus genug.


Auf jeden Fall ist das Beste am Spiel definitiv das Zwischenmenschliche, das zwischen den Protagonisten passiert. Sie müssen sich stets wieder neu daran erinnern, dass sie zusammenhalten müssen, obwohl es eventuell einen Verräter unter ihnen gibt (einen? hahaha), und da man sie alle gemeinsam mit Wato erst neu kennenlernt, wachsen sie einem gemeinsam mit ihm ans Herz. Sie sind definitiv vielschichtigere Personen als die Leute in Danganronpa, und fühlen sich etwas mehr wie echte Menschen an. Daher ist es eben auch schön, dass man nicht definitiv in jedem Kapitel ein Opfer und einen Täter haben wird, wie abgedreht das manchmal auch in Danganronpa war. Der erste richtige Fall (also nicht der, bei dem Senior Detective zerstückelt wird) folgt noch dem recht klassischen Muster, aber danach muss die Gruppe aus dem Anwesen fliehen und sich durch einen labyrinthartigen Untergrund manövrieren. Beim nächsten Mord flieht der Täter und lebt noch bis ins vorletzte Kapitel weiter - man trifft ihn auch immer mal wieder, was dem Ganzen schon irgendwie eine ganz eigene Dynamik gibt. Ein Typ stirbt augenscheinlich durch eine Falle im Labyrinth, und obwohl da quasi eine Person mehr Schuld daran hat als die anderen, war es auch alles andere als ein klassischer Mord. Die beiden angesprochenen sterben übrigens später in einem weiteren Fall, worüber ich richtig froh war, weil dann keine der anderen Charaktere mehr draufgehen mussten, sondern die verfeuert wurden, die ich eh schon abgeschrieben hatte. xD
Deshalb überleben am Ende auch sage und schreibe 6 Personen, was wohl die beste Quote aus all meinen klassischen Killing Games ist. ;P Natürlich bangt man trotzdem immer mit, aber dieses Spiel schafft es wenigstens, den Überlebenden so viel Entwicklung und Raum zu geben, dass man am Ende über keinen total unglücklich ist. Also, zumindest ich habe über niemanden gedacht: "Warum hat ausgerechnet diese Person überlebt??", weil ich einfach alle mögen konnte. Ich meine, mein anfänglicher Lieblingscharakter war natürlich dann der Quartering Duke - wie sollte es anders sein - aber selbst die Person, die ich zu Beginn am allerwenigsten mochte, habe ich zum Schluss wirklich wertgeschätzt.
Lange Rede, kurzer Sinn: Charaktere kann das Spiel. Sie und ihr miteinander sind wirklich gut gelungen.


Man ist also die meiste Zeit damit beschäftigt, einfach nur Dialoge zu lesen. Wie gesagt, manchmal wird vielleicht einen Tick zu viel wortwörtlich erklärt, aber die meiste Zeit über kann man alle Szenen durchaus genießen. Das Lösen der Fälle ist das einzige, wo das Visual Novel Prinzip aufgebrochen wird.
Dazu bewegt man sich plötzlich auf einer Map des jeweiligen Schauplatzes und muss fast wie in einem Strategie RPG über Felder gehen und bestimmte Aktionen durchführen. Nur gibt es (meistens) keine Gegner auf der Map, sondern Hinweise! Diese muss man einsammeln, man kann sie dann analysieren und irgendwo sind dann noch Schlüsselinformationen, die man vor Ablauf der Zeit finden muss. Es gibt höchstens 9 Runden, und jeder Charakter kann außer Laufen nur eine Aktion pro Runde machen. Sie alle haben auch unterschiedliche Werte, die zum Beispiel ihre Reichweite bestimmen (von wie weit weg sie Hinweise entdecken können) oder ihre Analysefähigkeit. Natürlich passen diese Werte auch immer zu den jeweiligen Charakteren.
Es gibt außerdem noch optionale Punkte auf jeder Map, die eigentlich nur Hintergrundinformationen bieten, die es meiner Meinung nach aber oft wert sind. Man kann dann zum Beispiel über vergangene, obskure Mordfälle nachlesen, die einer der Detectives im Laufe der Karriere gelöst hat. Wato selbst kann auch noch Erinnerungen finden, die eigentlich immer eine persönliche Geschichte eines Charakters erzählen, und wo man dann auch deren richtigen Namen erfährt. Ich habe all diese Sachen für die Platinum Trophäe im Nachhinein noch geholt, und fand es zwar nur eine kleine, aber durchaus wertvolle Belohnung für die Mühe. Wenn man alle Achievements holt bekommt man übrigens eine zusätzliche Szene, die nach den Ereignissen des Spiels spielt, und zwar überhaupt nicht handlungsrelevant ist, aber einfach ein netter Zusatz. Hat sich für mich gelohnt, ist aber wirklich kein Muss - und das ist eigentlich, wie es mit so einer Komplettierung sein sollte. Es fehlt einem nichts Essenzielles, wenn man das nicht machen will, aber man kriegt einen kleinen Bonus, über den man sich einfach freuen kann.


Wenn man die Maps jedenfalls abgeschlossen hat, muss Wato in Dialogen noch ein paar Fragen über den Fall beantworten, um die Gruppe von seinen Erkenntnissen zu überzeugen. Dazu ist es nötig, die gefundenen Hinweise während dem Strategie-Teil auch wirklich zu lesen, weil man sonst manche Sachen als Spieler gar nicht verstehen kann. Ich hatte das beim ersten Mal nicht wirklich gemacht und war schon höchst überrascht über die Täterin. xD Man kann diese Frage-Segmente übrigens ganz einfach und schnell wiederholen, falls man sie versemmelt, also würde es theoretisch auch klappen, sich einfach durchzuraten. Ab dem zweiten Kapitel war das aber zumindest für mich nicht mehr nötig, da es da plötzlich sehr einfach war, den Schuldigen herauszufiltern. Auch die Identität des Quartering Duke war für mich ab einem bestimmten Zeitpunkt sehr klar, weil ich mir neben ein paar kleinen Hinweisen und dem Ausschlussprinzip auch einfach dachte, dass es jemand sein muss, dem man es am wenigsten zutraut, und den man schnell liebgewinnen kann. Viele Spiele funktionieren so. Und im Nachhinein gesehen war es sogar noch viel klarer, weil sogar der Name (Doleful Detective) eigentlich schon ein Hint war, worum es dem Quartering Duke eigentlich ging.
Gerade dessen Motiv kann einen schon zum Nachdenken anregen, und deshalb war das Finale auch ewig lang, weil Wato und die verbliebenen Charaktere erst mal selbst wieder klar kommen und erst Argumente finden mussten, warum der Antagonist denn jetzt unrecht haben soll.^^ Ich mochte das, auch wenn das Spiel ganz allgemein schon seeehr die Schiene verfolgt hat, dass eigentlich keiner der Bösewichte so wirklich einfach nur böse war. Obwohl man bei Renegade vielleicht darüber diskutieren könnte. ;P

Wie auch immer, Process of Elimination ist auf jeden Fall eine absolut spielenswerte Death Game Visual Novel. Wem Danganronpa zu over-the-top ist, und wer nicht so viel wert auf harte Kopfnüsse aber dafür auf mehr Charakterinteraktion mit viel Text legt, ist hier absolut gut aufgehoben. Leider gibt es das Spiel nicht auf Steam, sonst wäre es vielleicht wenigstens etwas bekannter.^^


Und nun - BEWARE - meine übliche Charakterliste!!

1. Armor Detective, der trotz aller Klischees des gutmütigen Kerls, der definitiv sterben wird, am Ende überlebt hat!!!
2. Doleful Detective, zumindest als das, was er vorgegeben hat zu sein
3. Incompetent Detective, auch wenn er (also Wato) schon sehr schmerzhaft heldenhaft sein kann
4. Ideal Detective
5. Downtown Detective
6. Bookworm Detective
7. Rowdie Detective
8. Posh Detective (vorher laaaange auf Platz 14)
9. Gourmet Detective
10. Workaholic Detective (infamously known as #9, bevor Posh in den Ranks gestiegen ist)
11. Techie Detective (sorry Techie D:)
12. Mystic Detective (ein toller Typ, aber wohl zu früh gestorben)
Und hier ist tatsächlich erst ein größerer Graben, denn bis zu Platz 12 habe ich ALLE echt gemocht.
13. Renegade Detective
14. Senior Detective (to be fair, er war auch nur Statist)

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