Samstag, 31. Januar 2026

The Darkest Files


Als The Darkest Files vor wenigen Jahren auf Kickstarter präsentiert wurde, musste ich gar nicht lange überlegen, ob ich es backen möchte. Das erste Spiel der deutschen Entwickler Paintbucket Games war schließlich „Through The Darkest Of Times“, ein quasi Management Game, das in Deutschland zu Zeiten Hitlers spielt. Ich habe es einmal bei Writing Bull gesehen, der das Erlebnis mit seinem eigenen großem Wissen und dem behutsamen Respekt vor der Geschichte nochmal richtig herausgehoben hat – aber gleichzeitig ist es auch einfach ein echt gutes Spiel. Einen zweiten Durchgang habe ich unanhängig von Writing Bull auch nochmal gesehen, und ich war wieder begeistert. Through The Darkest of Times ist extrem informativ, ohne dabei dröge oder belehrend zu werden, und während es durchaus aufwühlen ist, bleibt es in seiner Präsentation ruhig, aber nie emotionslos. Aber gut, wir sprechen hier eigentlich über das Nachfolgeprojekt der Entwickler, von dem ich mir eben auch einfach ein ähnlich gutes Erlebnis erhofft hatte. Und mein Vertrauen war berechtigt, zumindest was die Erzähltechnik und die akkurate Beschreibung und Aufarbeitung der Nachkriegszeit in Deutschland betrifft, und auch das Gameplay hat mir gefallen. Denn ich durfte Staatsanwalt, und somit eigentlich Detektiv, sein!


Man schlüpft in die Rolle von Esther Katz, die in der Anwaltskanzlei von Fritz Bauer frisch angestellt wird. Fritz Bauer ist als einziges eine wahre Persönlichkeit, die in dem Spiel vorkommt und Schlagzeilen gemacht hat, in dem er erbitterlich Naziverbrechen noch Jahre nach dem Krieg aufgedeckt hat – als beinahe einzige Person der damaligen Zeit, und ich persönlich fand schon immer absolut unfassbar, wie gut die meisten auch hochrangigen Nazis damals eigentlich davongekommen sind, obwohl sie für die schlimmsten Verbrechen, die es je gegeben hat, verantwortlich waren. Daher ist das ganze Thema des Spiels durchaus sehr aufwühlend für mich, und es war mir ein persönliches Anliegen, als Staatsanwältin einen guten Job zu machen, nicht nur um des Spieles willen.
Es gibt leider nur zwei große Fälle, aber diese basieren auf wahren Begebenheiten. Personen und Namen und ein paar Details wurden geändert, man kann aber den echten Fall nach erfolgreichen Ermittlungen noch nachlesen. Das fand ich ziemlich cool.
Grundsätzlich sammelt man so viele Informationen, wie man kriegen kann. Meistens gibt es schon alte Ermittlungen, die eingestellt wurden, weil die Verantwortlichen die Täter überhaupt nicht anklagen wollten, auf denen man aber aufbauen kann. Es gibt Briefe, Zeitungsartikel, damalige schriftliche Befehle und Unterlagen – einfach viel Papierkram, der aber nie zu unübersichtlich wird, dass man überwältigt wäre. Es macht Spaß, sich durch all diese Dokumente zu wühlen, und man kann auch Lesezeichen setzen und relevante Stellen kennzeichnen. Am wichtigsten sind aber die Zeugenbefragungen, die man machen muss. Hierbei wird man in die Vergangenheit versetzt und kann in der Ich-Perspektive die Aussage des Zeugen quasi live mitverfolgen. Die wichtigsten davon werden automatisch angezeigt, man kann aber in jeder Szene noch haufenweise Zusatzinformationen erfragen, indem man bestimmte Hotspots anspricht. Und sollte man in manchen Bereichen keine detaillierten Kenntnisse besitzen (zum Beispiel welche Rangordnung in den Nazi Kreisverbänden herrschte oder ähnliches), stellt das Spiel auch sicher, dass einem solche Infos zur Verfügung gestellt werden – entweder besorgt die nette Sekretärin Paula zusätzliche Dokumente, oder man findet etwas im Archiv der Staatsanwaltschaft (in dem man übrigens auch haufenweise, optionale Zusatzinformationen zu anderen, echten Prozessen oder ähnliches nachlesen kann). Wenn man aufmerksam nachforscht, sich interessiert und konzentriert, hat man alle Instrumente für eine erfolgreiche Anklage beisammen.


Ziel ist es, in einer Gerichtsverhandlung stichhaltig zu beweisen, dass ein Verbrechen begangen wurde, das selbst unter den damaligen Gesetzen in der Kriegszeit strafbar war, und natürlich die Schuldigen zu nennen. Dafür kann man auch alle Werkzeuge dafür schon vorbereiten, muss man aber nicht. Die essenziellen Fragen, die geklärt werden müssen, sieht man schon von Anfang an, und kann dafür die relevanten Schriftstücke (auch alle Zeugenaussagen werden natürlich niedergeschrieben) nach und nach heraussuchen. Um etwas zu beweisen, braucht man drei Quellen, die man zu einer schlüssigen Aussage kombiniert. Zum Beispiel hat man einen Autopsiebericht mit der Patrone, die benutzt wurde, um das Opfer zu töten, eine Liste an Parteimitgliedern mit Nummern, und eine Liste, welche Munition die jeweilige Mitgliedsnummer zur Verfügung hatte und zeigt diese Schriftstücke vor, um zu beweisen, dass nur diese eine Person eigentlich Zugang zur Tatwaffe hatte – das ist jetzt ein relativ einfaches Beispiel, aber so kann man sich das ungefähr vorstellen.
Dann muss man noch den Tatvorgang rekonstruieren, unter Berücksichtigung der Fragen, die geklärt werden müssen (und wofür man die Dokumente zusammengelegt hat). Hier gibt es immer eine Blaupause des Tatorts, auf der man die Beteiligten herumschieben (je nachdem wo sie sich wann befunden haben) und ihnen Aktionen zuordnen kann. Dies wird als Basis dafür genutzt, was Esther Katz, unsere Protagonistin, vor Gericht sagt – die vorbereiteten Unterlagen zur Beantwortung der Fragen kommen erst ins Spiel, wenn der gegnerische Anwalt Einspruch erhebt, und der Richter muss mit unseren Dokumenten überzeugt werden.
Alles in allem ist das ein Konzept, das mir echt Spaß gemacht hat. Die Fälle sind auch keine extremen Kopfnüsse, sodass ich meistens recht früh eine gewisse Vorstellung davon hatte, was passiert ist – aber ich musste es eben auch irgendwie beweisen, was schon etwas kniffliger war. Die Schwierigkeit lässt sich aber individuell anpassen. So kann man zum Beispiel einstellen, ob man bei der Beweisvorlage nur das betreffende Dokument vorweisen muss, oder auch noch einen bestimmten Absatz daraus, oder sogar den essentiellen Satz, um den es gehen sollte. Ich habe mich hier für die mittlere Schwierigkeit entschieden, weil ich aber auch am Anfang ja gar keine Vorstellung davon hatte, wie alles genau abläuft – ich glaube ich hätte auch die Sache mit den Sätzen geschafft.
Für mich war die Schwierigkeit eigentlich perfekt, vor allem unter Berücksichtigung, dass es sich um realistische Vorfälle handelt, die auf wahren Begebenheiten basieren. Man braucht keine schockierenden Plottwists, denn die Verbrechen sind schockieren genug, und man will einfach nur Gerechtigkeit. Das fühlt sich im Spiel alles sehr stimmig an. Weniger gebraucht hätte ich die persönliche Geschichte von Esther, wobei natürlich gesagt werden muss, dass die vor allem dazu dient, um zu zeigen, wie viel Missfallen wirklich gegen Menschen herrschte, die Jahre nach dem Krieg noch gegen Nazis gearbeitet haben – und auch, wieviel Antisemitismus noch herrschte, sowie Unterdrückung von Frauen. Aber zumindest die Geschichte ihrer Kindheitsfreundin hätte es nicht gebraucht, weil diese sich dann doch wieder sehr schnell abgehandelt angefühlt hat.


Das einzige, was ich am Spiel aber wirklich bemängeln muss, ist leider die Sprachausgabe. Es ist sehr löblich, dass The Darkest Files komplett vertont wurde. Aber ich hätte mir wirklich eine deutsche Ausgabe davon gewünscht, denn die Synchronsprecher sind merklich Deutsche. Ihr Englisch ist größtenteils unbeholfen, und vor allem Namen werden dann plötzlich Deutsch ausgesprochen, obwohl sonst alles auf Englisch gesagt wird. Das hat mich vor allem Anfangs ziemlich rausgerissen und manchmal konnte ich nur daran denken, wie albern es ist, dass sich Deutsche in Deutschland in schlechtem Englisch untereinander unterhalten. Gutes Englisch hätte mich gar nicht gestört, aber so war 
es wirklich ziemlich weird.
Kann man aber darüber hinwegsehen, erwartet einen ein sehr gut gemachtes Spiel, das ein wichtiges Thema eingehend und kompetent behandelt, und dabei auch noch – wenn man gerne ein wenig Detektiv spielt - einen motivierenden Gameplayloop hat. Liebevolle Details wie eine süße Bürokatze oder echte Zeitungsartikel aus der Zeit werten The Darkest Files weiter auf. Beide Spiele des Studios finde ich auf jeden Fall wirklich empfehlenswert und kann ich nur jedem ans Herz legen.

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