Vorsicht: Dieser Blog enthält viele Spoiler zu Videospielen, die nicht explizit gekennzeichnet werden!
Sonntag, 30. November 2025
Spiritfarer
Spiritfarer hatte für mich immer den Ruf, eine berührende Indieperle zu sein, ohne dass ich eigentlich wusste, was es genau für ein Spiel ist. Ich hatte schon mitbekommen, dass man sich irgendwie um die Bedürfnisse von tierhaften Spirits kümmert, um sie schließlich ins Jenseits zu überführen, aber das war für mich immer eher ein vernachlässigbares Detail. Ich dachte, die Geschichte alleine würde so große Emotionen erzeugen, dass der Rest schon irgendwie laufen würde. Eigentlich ist es aber genau umgekehrt. Das Gameplay nimmt definitiv den Hauptteil des Spiels ein, und wenn einen das motiviert, interessieren einen auch die Charaktere ein wenig mehr und es könnte die ein oder andere Bindung entstehen. Wenn man all das Ressourcen Management zu mühselig findet, was ich durchaus verstehen kann, können die Charaktere das Spiel aber wohl auch nicht mehr retten, denn man verbringt deutlich mehr Zeit damit, Holz, Erze, Zutaten etc. zu sammeln, als mit den Leuten zu plaudern, die man dabei hat.
„Dabei“ hat man sie übrigens auf einem Schiff, mit dem man durch die Welt reist. Das ist einer der motivierendsten Faktoren an Spiritfarer. Die Weltkarte zu erkunden, um neue Ressourcen und Charaktere zu finden ist schon wirklich spannend. Es gibt allerdings einige Roadblocks, die einem zwischendurch das Gefühl vermitteln, ein wenig auf der Stelle zu treten. Für viele Schiffs-Upgrades, mit denen man dann in neue Gebiete kann, braucht man bestimmte Items, die man oft aus der Storyline der Passagiere bekommt, wodurch ein gewisses Freiheitsgefühl schnell verloren geht, weil man doch einem ziemlich genau vorgegebenen Roten Faden folgt. Das ist so ein weiterer Punkt, den man negativ sehen könnte, aber mir persönlich hat es kaum etwas ausgemacht. Hin und wieder habe ich mir schon gedacht, dass ich gerne mal wieder etwas Neues sehen würde, aber es hat meinen Spielspaß nur marginal beeinflusst. Das ist aber eben eine Sache, die für jede Person anders sein kann, weshalb ich durchaus verstehe, dass Spiritfarer für andere frustrierender sein könnte – insgesamt scheint der Gameplay Loop aber ja doch recht allgemein gut angekommen zu sein, und mir ging es da nicht anders.
Grundsätzlich baut man sein Schiff immer weiter so aus, dass es autark ist. Zuerst sammelt man ein paar grundlegende Ressourcen auf, um überhaupt Gebäude bauen zu können, und kann dann immer unabhängiger werden. Man baut eigenes Gemüse und andere Pflanzen an (zum Beispiel Leinen, um daraus Stoffe zu machen, oder Apfelbäume), kann jederzeit angeln, später kann man Öl pressen oder Mehl herstellen, man hat Schafe und Hühner (nicht für Fleisch, sondern für Wolle und Eier), hat einen Keller, um Lebensmittel zu gären und so weiter. In der schiffseigenen Küche kann man dann aus allen möglichen Kombinationen Gerichte herstellen, was ich mitunter schon am besten am ganzen Spiel fand – ich weiß auch nicht genau warum. xD
Auch Baumaterialien und Erze kann man verarbeiten. Aus gefällten Bäumen lassen sich Bretter herstellen, man schmilzt Eisen, Silber, Gold und vieles mehr zu Barren, verarbeitet Kohle und ähnliches zu Pulver und kann später sogar ganze Platten schmieden. Die Materialien selbst kann man nicht selbst auf dem Schiff anbauen, aber es gibt andere Wege, um nicht ständig auf irgendwelchen Inseln nach dem ganzen Kram suchen zu müssen.
Und neben all diesen, quasi, Produktionsstätten muss man auch noch Häuser für die Passagiere bauen, die auf dem Schiff wohnen, bis sie ins nächste Leben entlassen werden können. Oder wie man da sagen würde. Man folgt hauptsächlich ihren jeweiligen Questlines, um mehr von ihnen zu erfahren, aber auch neue Fähigkeiten zu erlernen (die Fortbewegung ist reines Platforming, das mich manchmal durchaus überfordert hat) und spezielle Zutaten in eigenen Minispielen zu farmen.
Die Charaktere sind der inhaltlich interessanteste Aspekt am Spiel (sie sind ja auch alles Tiere, mit teils sehr kreativen Ideen - die Schlange mit ihrem Umhang zum Beispiel!) und mit ihnen kann, auch wenn einem der Gameplay Loop gefällt, das Spielerlebnis fallen und steigen. Gerade der Anfang ist schön, da die Personen, die man trifft, alle sympathisch sind und scheinbar in irgendeiner Beziehung zum Hauptcharakter Stella stehen. Irgendwann verliert sich aber das vertraute Zusammenhaltungs-Gefühl, weil auch moralisch nicht ganz so einwandfreie Leute zu einem stoßen. Und ich spreche hier nicht von Stärken und Schwächen, die alle haben dürfen, sondern von anstrengenden Personen. Gerade die Zeit mit Bruce und Mickey ist eigentlich kein Spaß, weil sie selbst uninteressant und gemein sind, und auch noch den anderen Passagieren die Stimmung versauen.
Allgemein ist es nicht einfach, wirklich Bindungen herzustellen, wenn einem die entsprechenden Charaktere nicht sofort superfreundlich gesonnen sind. Denn einiges ihrer Backstory erfährt man auch nur, wenn man sich viel mit ihnen unterhält, und das macht man halt eher ungern bei jemandem, der einen ersten schlechten Eindruck macht. Oder mehrere schlechte Eindrücke. Looking at you, Giovanni, bei dem ich dann trotzdem fast am meisten geheult habe beim Abschied (am meisten habe ich bei Summer und meiner Bevi geweint) - das lag aber auch daran, dass ich bei ihm endlich die Geschichte von Stella auch verstanden habe.
Diese wird am Ende netterweise nochmal von einem speziellen Charakter geschildert, sodass auch jeder sie zumindest halbwegs verstehen kann. Ich hatte die Epiphany eben bei der zweiten Begegnung mit Hades, was nach Giovannis Abschied geschehen ist. Ich war überrascht, wie emotional mich das dann doch getroffen hat. Aber danach war es dann auch irgendwie schon wieder vorbei. Ich habe verstanden was vor sich geht, okay, vielen Dank, jetzt baue ich wieder Tomaten an.
Also irgendwie schafft das Spiel den Spagat zwischen Emotionalität und Gameplay nicht wirklich, das hat sich für mich total voneinander getrennt angefühlt. Viel Busywork, die mich zwar die meiste Zeit über gut unterhalten hat (ich habe sogar einige Zusatzsachen gemacht, wie alle Collections vervollständigt, also jeden einzelnen Fisch angeln und jedes Gericht kochen und so Kram), aber storytechnisch hatte ich gar keinen richtigen Antrieb, viel mehr zu erfahren. Später habe ich einige Dialoge sogar geskippt, weil es mir zu viel Text war - und das Geschwurbel von Daria habe ich, obwohl ich sie selbst eigentlich supertoll fand, auch nur so halb verstanden.
Spiritfarer overstayed meiner Meinung nach seinen Welcome ein bisschen. Ich habe über 36 Stunden gebraucht, und ich denke so 10 Stunden weniger hätten dem gut getan. Okay, an 5 davon war ich wahrscheinlich selbst schuld, aber das ändert nichts daran, dass es trotzdem zu lang geht, wenn man wirklich alle Spirits zum Everdoor bringen will. Vielleicht einfach Bruce und Mickey und Elena streichen, dann wärs schon fast perfekt gewesen. Denn abwechslungsreich waren die einzelnen Quests für die Spirits durchaus - einer kommt nicht mal aufs Schiff, einen muss man sich angeln, einer verschwindet ohne eine letzte Schiffsfahrt,... es gab schon ein paar Überraschungen.
Ich denke mit ein paar sinnvollen Kürzungen hätte mir das Spiel schon nochmal eine Stufe besser gefallen. Also, ich war und bin durchaus angetan, und würde auf jeden Fall ein neues Spiel von den Entwicklern ausprobieren wollen - Präsentation, Abwechslung und auch die Themen, die angesprochen werden, fand ich alles super, und alleine wie die Abschiede beim Everdoor gestaltet wurden, hat mich immer irgendwie berührt, obwohl ich in der restlichen Zeit über kaum emotional war (nur die Sache mit Alice hat mir wirklich auch schon auf dem Schiff öfter weh getan, das war schlimm). Es wurde einfach sehr, sehr viel richtig gemacht, und mit ein paar Abstrichen und weniger Ressourcen-Farming (die Erleichterungen für viele Dinge wie den Garten kamen für mich reichlich spät) hätte das auch für mich ein riesiges Ding werden können. So werde ich es trotzdem in guter Erinnerung behalten, auch wenn Spiritfarer dann am Ende zumindest wohl nicht in meine Game of the Year Liste kommen wird. Vermutlich. Platz 9 ist noch nicht entschieden! ;P
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